Weil der Tod ein Thema ist

Foto: Michaela Habetseder

Im Gespräch mit Dr. Martin Prein

Einen Erste-Hilfe-Kurs zu machen, ist sinnvoll. Er hilft, in Krisensituationen adäquat zu reagieren. Genauso wichtig ist ein Letzte-Hilfe-Kurs: Empowerment im Umgang mit dem Tod brauchen wir nämlich früher oder später alle.

Als ehemaliger Sanitäter und Bestatter wirft der Notfallpsychologe Martin Prein einen einzigartigen Blick auf den toten Körper. Für den Linzer gibt es kein Richtig oder Falsch im Umgang mit dem Tod. Empathisch und anhand vieler Fallbeispiele unterstützt er Hinterbliebene, ihre Handlungsmacht zu wahren und ermutigt alle anderen, für Trauernde trotz eigener Unsicherheiten da zu sein.
Die Gemeindeentwicklung im Salzburger Bildungswerk hat zu diesem Thema für die Sozialbeauftragten im Land Salzburg eine Fortbildung mit Martin Prein angeboten. Saskia Blatakes hat mit ihm im Vorfeld gesprochen.

Saskia Blatakes: Herr Dr. Prein, Erste-Hilfe-Kurs ist so gut wie jedem eine Selbstverständlichkeit.
Warum „Letzte-Hilfe-Kurs“?
Dr. Martin Prein: Dass wir alle einen Erste-Hilfe-Kurs brauchen, ist unhinterfragt klar. Auch wenn wir ihn vielleicht nie anwenden müssen. Aber einen Letzte-Hilfe-Kurs braucht jede und jeder bestimmt: Irgendwann haben wir sicher einen Todesfall in der Familie oder im Freundes- oder Bekanntenkreis.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie mit dem Thema Tod und Sterben in Verbindung gebracht hat?
Es hat eine Kindheitsgeschichte gegeben, aber hauptsächlich durch meine Zeit beim Roten Kreuz, wo ich 15 Jahre lang ehrenamtlich tätig war. Besonders durch die Arbeit im Kriseninterventionsteam, wo ich ab Ende der 1990er Jahre (zum Beispiel beim Grubenunglück in Lassing) einer der ersten war, wurde ich sehr wuchtig und intensiv mit dem Tod konfrontiert. Da stehst du meist vor der Herausforderung: Da der Verstorbene, dort die hilf- und orientierungslosen Angehörigen – beide in einem Raum mit dem Wissen, ich kann nichts leichter machen und kein Gramm Leid abnehmen, ich kann nur da sein und das mit aushalten. Da hat mich das Thema angesteckt. Ich fragte mich: Wie geht das jetzt weiter? Was passiert mit dem Verstorbenen? Was passiert mit den Hinterbliebenen? Und da war mir klar: Die Berufsgruppe, die da am dichtesten dran ist, ist der Bestatter. Also bin ich nach Linz gegangen und Bestatter geworden. Gleichzeitig hab ich nebenbei die Studienberechtigungsprüfung gemacht. Dass ich mich das getraut habe, ist dem Roten Kreuz geschuldet. Durch die Arbeit bin ich mit dem Thema Psychologie in Berührung gekommen und 2003 nach Klagenfurt gegangen, um Psychologie zu studieren.

Wie kam es dann zu den Seminaren?
Das war so überhaupt nicht geplant. Für das Doktorat hab ich mir die Leichenberufe näher angeschaut. Mich hat wahnsinnig interessiert, zu erforschen: Was macht der tote Körper mit uns Lebenden? Ich nenne das die Strahlkraft der Leiche. Dazu habe ich in der Bestattung angefangen, Berufsgruppen einzuladen, mit denen wir in der Arbeit in Berührung kommen. Und da ist etwas Interessantes passiert: Bei den Informationstreffen habe ich immer in der Aufbahrungshalle angefangen. Dort waren sich alle einig: Ja, der Tod gehört zum Leben. Das ist dann so meist etwas wackelig geworden, wenn ich mit den Leuten die Hinterbühne der Bestattung angeschaut habe. Vor allem im Kühlraum war das mit dem Leben und dem Tod alles andere als fix. Ist auch so. Wir gehen ja schon ganz anders in einen Raum hinein, wo ein toter Mensch liegt. So kam es, dass nach so einem Besuch eine Rot-Kreuz-Stelle ein Tagesseminar für seine Mitarbeiter haben wollte. Dem ersten Vortrag folgten viele weitere bei Fachinstitutionen. Breitenwirksam wurde das Thema dann durch Termine bei Gesunden Gemeinden. So ist daraus der „Letzte-Hilfe-Kurs“ entstanden.

Wie ist das Empfinden Ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer vor und nach einem Seminar?
Die Leute gehen meist wahnsinnig erleichtert hinaus und sind so froh, dass sie da waren. Sie bekommen nasse Augen, weil sie traurige Geschichten hören und lachen wie in einem Kabarett. So geht das hin und her.

Haben Sie selbst noch Angst vor dem Tod?
Woody Allen hat einmal gesagt: „Nicht, dass ich Angst vor dem Sterben hätte, ich möchte nur nicht dabei sein, wenn’s passiert.“ Das gilt auch für mich. In meinen Kursen geht es auch gar nicht darum. Einzig darum, dass wir mit den Auswirkungen des Todes zurechtkommen müssen.

Wie wichtig sind in Ihren Augen Rituale rund um Tod und Bestattung?
Sehr wichtig. Sie geben psychologische Stabilisierung und Handlungsfähigkeit. Nichts ist schlimmer, als wenn sogenannte Handlungsroutinen wegbrechen. Wir sehen das beim Thema „Beileids-Bekundung“. Da verändert sich gerade einiges. Es verunsichert uns aber, wenn wir nicht wissen, was wir stattdessen machen sollen.

Danke für das Gespräch!

Mag. Saskia Blatakes ist freie Journalistin und Lektorin in Wien.

Weitere Infos über Dr. Martin Prein gibt es auf seiner Webseite: martinprein.at

Kontakt:
Dr. Anita Moser
Tel: 0662-872691-18
E-Mail: anita.moser@sbw.salzburg.at

Foto: Martin Krachler